Das verletzte Kind

Da ist sie nun also: Die Unizusage! Ab Oktober bin ich offiziell Studentin an der Humboldt Universität zu Berlin in den Studienfächern Erziehungswissenschaften und Gender Studies. Nachdem ich jetzt schon über fünf Monate in Berlin wohne, freue ich mich total, so richtig anzukommen und meine Zeit als Studentin zu erleben. In erster Linie bin ich gespannt auf ganz viele neue Menschen in meinem Leben und hoffe natürlich auch, viele neue Freunde zu finden. Das ist allerdings auch gleichzeitig das, wovor ich am meisten Angst habe. Mein Bedürfnis dazuzugehören war schon immer ziemlich groß, aber in meiner Kindheit und Jugend ist mir das nicht wirklich gut gelungen.Wenn ich mir heutzutage Kinderfotos ansehe, erinnere ich mich daran, dass ich immer aufgefallen bin: In der Grundschule musste ich ein Augenpflaster tragen und darüber eine Brille; meine Ohren waren schon vor zehn Jahren so groß wie heute, mein Kopf dafür viel kleiner und mein Kleidungstil war irgendwas zwischen Flohmarkt und Katastrophe. Zu Hause bei uns gab es keinen Fernseher und die anderen Kinder machten Witze und behaupteten, dass wir bestimmt zu arm wären, um uns einen leisten zu können. Sowohl in der Grundschule, als auch in den ersten Jahren auf dem Gymnasium wurde ich immer wieder ausgeschlossen und gemobbt, konnte einfach keinen Platz für mich in Gruppen finden.

Mit der Pubertät wuchs ich dann in meine Ohren rein und fing an, mich so zu kleiden wie die Frauen auf den Plakaten. Mein Freundeskreis wuchs ziemlich schnell und ich hatte auch meinen ersten festen Freund. Das verletzte Kind in mir allerdings, wurde nicht erwachsen.
Heute kann ich zwar über das Vergangene lachen, bin stolz auf meine großen Ohren und froh, dass es in meiner Wohnung nach wie vor keinen Fernseher gibt. Und Im Spiegel sehe ich meistens eine selbstbewusste, engagierte, kluge, junge Frau, die gute Ideen hat und auf die man sich verlassen kann. Aber trotzdem habe ich Angst davor, dass Menschen, die mich kennenlernen, mich nicht mögen, dass sie mich eigenartig und nicht hübsch genug finden. Ich fühle mich immer ein bisschen ausgeschlossen, obwohl ich nach Zugehörigkeit suche.
Ein verletztes Kind trägt man wohl für immer in sich.

Für die Uni habe ich mir jetzt fest vorgenommen, ganz locker zu bleiben.
Ich möchte die Angst vergessen und mich ganz darauf konzentrieren, dass jetzt ein neuer Lebensabschnitt für mich anfängt, der in erster Linie positive Entwicklungen mit sich bringt.
Und ich werde versuchen, selbstbewusster auf neue Menschen zuzugehen und mir zu sagen, dass ich unabhängig von deren Meinung über mich, gut bin wie ich bin!